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WANDERING ON THE WILD SIDE
Ein Foto-und Kunstprojekt von Mona Fux & Iris Weirich “Man is not himself. Give him a mask and he will tell you the truth.“ Oscar Wilde |
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| Im Mittelpunkt unserer gemeinsamen künstlerischen Arbeit steht unsere Kunstfigur Sir Reynard alias Don Reinaldo,ein Fuchs von edler Herkunft, der aus dem mythischen Reich der letzten undurchdringlichen Wälder kommend die menschliche Zivilisation bereist. Seit dem Altertum hat der Fuchs einen besonderen Stellenwert in der Mythenbildung- und Erzähltraditionder verschiedenstenVölker und Kulturen. Ob seiner Schlauheit, List, Überlegenheit und strategischen Geschicklichkeit bekannt und vomwissenschaftlichen Standpunkt aus, nicht vollständig zähmbar, ist er ein Symbol für Freiheitsliebe und Lebenskunst. Den Höhepunkt dieser literarischen Rezeption stellt Goethes Reineke Fuchs bzw. schon früher, der mittelalterliche Reinke de Vos dar. Sir Reynard hat von seinem berühmten Vorgänger zwar den Namen entlehnt, doch hat unser füchsiger Edelmann ansonsten wenig gemein mit dieser nach heutiger Sicht eher einseitigen Darstellung. Er ist vielmehr ein Geschöpf der schwarzen Romantik. Als Grenzgänger zwischen Wildnis und Zivilisation vereint er in sich sowohl eine natürliche Wildheit und Unberechenbarkeit als auch den Schöngeist vergangener Epochen. Er ist Künstler, Gelehrter, Magier,Wissenschaftler und Forscher, Staatsmann und Bonvivant mit einem Wort ein Renaissancemenschbzw. -fuchs. Ihm eigen ist die Unsterblichkeit der Getriebenen. Unsterblichkeit bedeutet für ihn mitunter die Gabe, Geschichte zu absorbieren. Das ist für ihn gleichzeitig ein Fluch als auch die Möglichkeit, seine unbändige Neugierde und seinen Wissensdurst zu befriedigen. Als Zeitreisender ist er auf ewiger Wanderschaft, überall zu Hause und doch nirgendwo. „Malheur! Malheur à moi que le ciel en ce monde a jeté comme un h?te à ses lois étranger“ (Wehe, wehe über mich, den der Himmel in diese Welt geworfen hat/ wie einen Gast, welchem ihre Gesetze fremd sind), schrieb Alexandre Dumas. Sir Reynard ist einen Schritt weiter, er hat sich die Gesetze dieser Welt angeeignet, ohne ihnen zu unterliegen. Wie ein Schamane die Leben seiner Mitmenschen in sich aufnimmt, um zu heilen, so nimmt er erlebte Geschichte in sich auf, um sie am eigenen Leib zu erfahren und zu verstehen. Am Anfang unserer Erzählung in Bildern und Texten setzt Sir Reynard an, seine Memoiren niederzuschreiben. In einer Collage aus Erinnerungen, Rückblenden, Traumsequenzen und Visionen entfaltet sich ein buntes, oft aber auch düsteres Universum der Menschheitsgeschichte, in dem wie ein roter Faden immer wieder Bruchstücke optischer und literarischer Referenzen aus der Kulturgeschichte auftauchen. Er hat sie alle getroffen: Merlin, Shakespeare, Goethe, den Marquis de Sade, Casanova, Graf Dracula, Lord Byron, Oscar Wilde und Marcel Proust, Napoleon, Sir Francis Drake, Columbus und Marco Polo; Leonardo da Vinci, Vermeer und Goya, Zorro (= span. Fuchs) und Desperado.....die großen Persönlichkeiten, die den Lauf der Geschichte und die Kunstwelt verändert haben, genauso wie die Ikonen der Populärkultur. Und es geschieht dabei etwas Merkwürdiges: im Erlebten nimmt Sir Reynard selbst diese Identitäten an, er wird zur multiplen Persönlichkeit, dem wandering outlaw of his own dark mind (vgl. Lord Byron, Childe Harold's Pilgrimage), zum Seelenreisenden, der die Rollen seiner Gegenüber aufsaugt. Der Mensch wird zum Statisten in diesem teatrum vulpis, wir sehen den Mensch als Fuchs - oder ist es doch der Fuchs in Menschengestalt? Keine Gattung eignet sich in unseren Augen mehr für diese Darstellungsweise als die inszenierte Fotografie.In unserem Projekt Wandering on the Wild Side schöpfen wir die Möglichkeiten dieser besonderen Spielart der Fotografie voll aus und lassen die Grenzen zu Theater und Filmerzählung verschmelzen. Mona Fux verkörpert Sir Reynard mit einer kunstvoll gestalteten Fuchsmaske und immer neuen, von uns zusammengestellten Kostümen verschiedener Epochen. Hier wird klar, dass Sir Reynard Vettern auch in der Commedia dell'Arte und dem japanischen No- und Kabukitheater zu finden sind. Unsere Bilder entstehen in kulissenhaften Räumen, mitten im Straßenbild moderner Metropolen und in der Natur. Sir Reynard erkundet reale Orte, aber auch Landschaften des Bewußtseins. Wenn wir mit unserer Kunstfigur hinausgehen, ihn mit dem Umfeld der Stadt konfrontieren, ihn vor Ort historische Plätze erforschen und sich in realen Kulissen bewegen lassen, so schafft das Irritation. Plötzlich wird das normale alltägliche Umfeld zur absurden Kulisse. Sehen und Wahrnehmen wird neu definiert. Begonnen haben wir mit der schier unerschöpflichen Stadtkulisse von Berlin mit ihrem einmaligen Kontrast von geschichtsträchtiger Bausubstanz und städtebaulicher Anarchie und planen eine Fortführung in weiteren europäischen Metropolen. Unser Projekt werden wir in Buchform und in Ausstellungen mit von uns als Gesamtkunstwerk konzipierten Räumlichkeiten präsentieren. Mona Fux (Performance, Installation & Organisation) Iris Weirich (Bildinszenierung & Fotografie) ©Iris Weirich & Mona Fux, 2007 |
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